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Magdalenas Geschichte

Magdalena und Ricardo sind zwei von Abertausend Kindern, die in Guatemala unter ausbeuterischen Bedingungen arbeiten müssen. Anstatt in der Schule zu lernen, zertrümmern sie Tag für Tag Steine, um das Überleben ihrer Familien zu sichern. Die Kindernothilfe-Partnerorganisation CEIPA sorgt dafür, dass schuftende Kinder trotzdem die Chance auf eine bessere Zukunft haben.

Quetzaltenango – Obwohl es brütend heiß ist, haben Ricardo (12 Jahre) und sein Bruder lange Pullover an, um sich vor der brennenden Sonne zu schützen. Der Schweiß rinnt ihnen unaufhaltsam in die Augen, wenn sie die schweren Felsbrocken in Eimern auf ihren Schultern aus dem Steinbruch schleppen. Ihr großer Bruder treibt lange Eisennägel in einen Felsbrocken von der Größe eines Kleinwagens, um diesen Stück für Stück auseinanderzuspren­gen. Weiter oben am Hang am Fuße des Vulkans Santa Maria, der über der zweitgrößten Stadt Guatemalas thront, steht ihr Großvater und bearbeitet den Fels mit Hammer und Meißel, um einen weiteren Brocken zu lösen. Auch dieser wird irgendwann in die Grube stürzen und dabei hoffentlich niemanden unter sich begraben. Trotz dieser Gefahren und der harten Arbeit ist Ricardo froh und stolz, wie er sagt, hier etwas Geld verdienen zu können. Nicht, weil er die Arbeit selbst gut findet, sondern weil er weiß, dass seine alleinerziehende Mutter ohne seine Unterstützung die Familie nicht durchbringen könnte.

Nur ein paar hundert Meter weiter in einem anderen Steinbruch: Ohne Mund- und Augenschutz bearbeitet Magdalena (8 Jahre) mit Spitzhacke und Vorschlaghammer Gesteinsbrocken, um diese in immer kleinere Stücke zu zerbrechen. Juan (8 Jahre) wirft das zerkleinerte Gesteinsmaterial mit einer Schippe durch ein großes Sieb, um das feine Gesteinsmehl von den kieselgroßen Brocken zu trennen. Seine Hände und das Gesicht haben sich weiß gefärbt vom Steinstaub, der zudem seine Lunge ruiniert.

Kinderarbeiter im Steinbruch. (Quelle: Malte Pfau)
Magdalena und Juan schuften im Steinbruch.

50 Euro für vier Tage Arbeit

Neben dem Steinbruch liegt Geröll unterschiedlichster Größe. Von staubfeinem Gesteinsmehl bis hin zu faustgroßen Brocken. Die Familien verkaufen die Steine an Bauunternehmer in der ganzen Region, wo sie als Baustoffe für Straßen und Häuser genutzt werden. Für einen Lastwagen voll mit zerkleinertem Gesteinsmaterial erhält eine Familie ungefähr 450 Quetzales (ca. 50 Euro). Dafür müssen sie allerdings auch drei bis vier Tage arbeiten. Zusätzlich müssen sie dem Besitzer vom Steinbruch 400 Quetzales Miete im Monat zahlen. Um überhaupt etwas zu verdienen, schuften die Familien hier jeden Tag in der Woche von morgens bis abends.

Wenn man Ricardo reden hört oder Magdalena in der staubigen Hitze bei der Arbeit beobachtet, fällt es manchmal schwer, das Alter dieser Kinder zu erraten. Aber es gibt diese Momente, wenn die Kinder in einer kurzen Pause rumalbern oder Verstecken spielen, in denen einem bewusst wird: Es sind Kinder wie jedes andere Kind auf der Welt auch. Schaut man sich die zahlreichen Steinbrüche am Stadtrand von Quetzaltenango an, bleibt aber auch die Frage: Welche Perspektiven haben diese Kinder in ihrem Leben?

Maria arbeitet in einer Großküche. (Quelle: Malte Pfau)
Maria arbeitet heute in einer Großküche, hat eine Krankenversicherung und Urlaubsanspruch.

Maria, ehemalige Kinderarbeiterin, hat den Weg aus der Armut geschafft

Zehn Kilometer weiter im Messezentrum von Quetzaltenango: Maria (18 Jahre) steht in einer Großküche und bereitet das Buffet für ein anstehendes Event vor. Maria hat selbst ihre gesamte Kindheit gearbeitet, um ihre Familie zu unterstützen. Für die Schule blieb da keine Zeit. Trotzdem hat die junge Mutter von zwei Kindern jetzt einen verhältnismäßig gut bezahlten Job, eine Krankenversicherung und Urlaubsanspruch. Die Geschichte von Maria steht beispielhaft für die Möglichkeit, dem Teufelskreis aus Armut, wenig Bildung und Kinderarbeit in Guatemala zu entkommen.

Denn ähnlich wie Ricardo aus dem Steinbruch ist auch Maria nie eingeschult worden. Und wie Ricardo gehört auch Maria zur indigenen Bevölkerung in Guatemala. Damit war es schon von ihrer Geburt an sehr wahrscheinlich, dass sie später einmal in absoluter Armut leben würde.

Die Familien stecken in einem Teufelskreis fest: Kinderreiche Eltern und sehr häufig alleinerziehende Mütter, die selbst nie eine Schule besucht haben, finden nur schlecht bezahlte Arbeit – oder gar keine. Die Kinder müssen zwangsläufig mithelfen, das Familienein­kommen zu sichern. 26 Prozent der Kinder in Guatemala im Alter zwischen fünf und vierzehn Jahren müssen unter teils ausbeuterischen und gesundheitsgefährdenden Bedingungen schuften.

Viele Eltern sehen den Sinn einer Schulbildung nicht ein

Zwar werden die meisten Kinder aufgrund einer allgemeinen Schulpflicht eingeschult, allerdings schließen nur 60 Prozent die Grundschule auch ab, und nur 39 Prozent beenden sie in der regulären Zeit. Vielen Eltern ist aufgrund ihrer eigenen fehlenden Bildung die Bedeutsamkeit einer Schul- und Ausbildung nicht bewusst, weshalb sie dem Schulbesuch ihrer Kinder gleichgültig oder gar ablehnend gegenüberstehen. Zudem ist die soziale Not vieler Familien so groß, dass die Kinder zwangsläufig zum Lebensunterhalt der Familie beitragen müssen und daher die Schule nur unregelmäßig besuchen oder ganz aufgeben. Andere, wie Maria und Ricardo, werden gar nicht erst eingeschult. Einmal zu alt, gibt es anschließend keine Möglichkeit mehr für die Kinder, im staatlichen Schulsystem unterzukommen.

Schulunterricht im Projekt des Kindernothilfe-Partners. (Quelle: Malte Pfau)
Magdalena in der CEIPA-Schule auf dem Markt von Quetzaltenango

Die einzige Chance auf Bildung für die Kinder ist nun das Centro Ecuménico de Integración Pastoral, kurz CEIPA. Mitten auf dem Markt von Quetzaltenango gelegen, haben hier Kinderarbeiter die Möglichkeit, einen staatlich anerkannten Schulabschluss zu machen. Damit dies gelingt, müssen die Eltern von der Notwendigkeit einer Schulausbildung überzeugt sein. Denn nur mit ihrem Einverständnis können die Kinder regelmäßig nachmittags am Unterricht teilnehmen. Doch wie soll das funktionieren, wenn die Kinder für das Haushaltseinkommen unverzichtbar sind?

Das Projekt gelingt nur, wenn die Kinder weiterhin die Möglichkeit haben, am Vormittag und am Wochenende zu arbeiten, sagt Linda Ferres von der Kindernothilfe-Partnerorganisation CEIPA. Statt Kinderarbeit zu verhindern, ist es viel nachhaltiger, die Form der Arbeit zu verbessern. Anstatt in den Steinbrüchen zu arbeiten, können die Kinder z. B. leichtere Hilfstätigkeiten auf dem Markt übernehmen. „Wir wollen verhindern, dass die Kinder zur Arbeit gezwungen und wie in den Steinbrüchen ausgebeutet werden“, sagt Linda Ferres. Doch das funktioniert nur mit viel Überzeugungsarbeit bei den Eltern. Immer wieder werden daher die Familien von CEIPA-Mitarbeitern aufgesucht, um sie für die schädlichen Folgen der harten Arbeit zu sensibilisieren und für die Chancen durch Bildung für die Kinder und Familien zu werben.

Dafür ist es wichtig, Perspektiven aufzuzeigen. Und das kann das Projekt. Immer wieder kommen ehemalige Absolventinnen wie Maria zu Besuch, um den Kindern und Jugendlichen von ihrem Lebensweg zu berichten. Im Schulzentrum lernt Ricardo nicht nur lesen und schreiben. Es gibt zudem ein Mittagessen, und regelmäßig kommt ein Arzt, um die Gesundheit der Kinder zu überprüfen. Kinder haben Platz und Raum, um zu spielen. Einmal im Monat findet im Schulzentrum ein Elternabend statt, um die Erwachsenen über Kinderrechte aufzuklären und bei einer kindzentrierten und gewaltfreien Erziehung zu unterstützen. Diese Komponente ist gerade in Guatemala von ganz besonderer Bedeutung. „Denn Gewalt in Familien und der Gesellschaft ist ein riesiges und weitverbreitetes Problem“, berichtet Anabela, Lehrerin bei CEIPA. Deshalb nehmen die Aufarbeitung von Gewalt und der Umgang damit auch sehr viel Zeit im schulischen Alltag ein.

Bäckerausbildung im Kindernothilfe-Projekt. (Quelle: Malte Pfau)
Bäckerausbildung bei CEIPA

CEIPA hilft den jungen Leuten, nach der Schule einen Job zu finden

Nach drei Jahren haben die Kinder und Jugendlichen einen anerkannten Schulabschluss. Jetzt können sie auf eine weiterführende Schule wechseln. Außerdem gibt es die Möglichkeit, im Berufsbildungszentrum von CEIPA eine einjährige Ausbildung zu absolvieren. Dabei evaluiert das Projekt regelmäßig den Bedarf auf dem Arbeitsmarkt. Zurzeit werden vor allem Köche, Bäcker, Schneider und Friseure ausgebildet. Vor ein paar Jahren war Schuster noch ein gefragter Ausbildungsberuf. Doch dieser Wirtschaftszweig ist durch Schuhspenden aus den USA völlig zusammengebrochen. Nach der einjährigen Ausbildung hilft CEIPA den Kindern und Jugendlichen durch Praktika und Bewerbungstrainings, einen guten Job zu finden. Andere bekommen einen Kleinkredit für ihren Weg in die Selbstständigkeit. Drei Jugendliche haben z. B. eine kleine Bäckerei gegründet und beliefern nun viele Hotels in Quetzaltenango mit frischgebackenen Brötchen.

Eine wichtige Komponente des Projektes ist auch die Demokratiebildung durch Partizipationsmöglichkeiten. Die Kinder und Jugendlichen werden aktiv in die Planung und Gestaltung der Projektarbeit eingebunden. Außerdem sind sie Teil der Organisation von arbeiten-den Kindern und Jugendlichen (ONNATs = Organización de Niñas, Niños y Adolescentes Trabajadores), die sich für die Bedürfnisse und Belange der arbeitenden Kinder und Jugendlichen einsetzt und Lobby-Anstrengungen betreibt, um sich bei staatlichen Akteuren für die nachhaltige Verbesserung ihrer Lebensbedin­gungen einzusetzen. Gerade in einem Land, in dem sich die Demokratie auf dem Rückzug befindet und sich speziell die indigene Bevölkerung desillusioniert vom politischen Prozess zurückgezogen hat, da sie sich nicht angemessen repräsentiert fühlten, ist die politische Bildung enorm wichtig.

Eine Chance für junge Menschen

Zurück zu Maria: Sie ist froh, dass sie durch die Ausbildung die Chance auf einen vernünftig bezahlten Job erhalten hat und ihren Kindern dadurch eine reguläre Schulbildung ermöglichen kann. Für Ricardo ist es noch ein anstrengender Weg bis dorthin. Doch er hat eine Chance und mit Frauen wie Maria auch ein Vorbild. Das ist gerade in einem Land wie Guatemala, aus dem sich jedes Jahr Tausende Kinder und Jugendliche alleine auf die gefährliche Flucht in die USA begeben oder sich einer der kriminellen Jugendgangs anschließen, die Guatemala zu einem der gewalttätigsten Länder der Erde gemacht haben, ungemein wichtig.

Helfen Sie jetzt mit einer Patenschaft!

Mit einer Patenschaft können Sie Kindern wie Magdalena und Ricardo nachhaltig helfen, damit sie der Armut entkommen und sich eine bessere Zukunft aufbauen können. Durch Ihre Patenschaft kann ein Kind zur Schule gehen, erhält regelmäßige Mahlzeiten, sauberes Trinkwasser, wird medizinisch versorgt und geschützt.

Jetzt Pate werden

Text und Fotos: Malte Pfau

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