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Erdbeben in Ecuador: Interview mit  Mauricio Bonifaz, Koordinator des Kindernothilfe-Programms vor Ort

25.04.2016 - Eine Woche nach dem schweren Erdbeben, das Manabí und Esmeraldas, die beiden im Nordwesten von Ecuador gelegenen Küstenprovinzen, verwüstete, am Ende wohl 700 Menschenleben kostete und Zehntausende obdachlos machte, wird immer deutlicher, wie ungleich sich die Verteilung der Hilfe gestaltet - und wie dringend es ist, den Überlebenden auch abseits der großen Städte beizustehen.

Kindernothilfe entschied mit ihrem Partner Fundación Juan Pablo II bereits 48 Stunden nach der Katastrophe, sich auf Muisne, einen Ort am Pazifischen Ozean mit 11.000 Einwohnern, zu konzentrieren, der zu zwei Dritteln zerstört wurde und bereits vor dem Beben mit extremen Armutsproblemen zu kämpfen hatte. 

Espacio Seguro – „Sicherer Ort“ – nennt sich das Projekt, durch das 350 Mädchen und Jungen zwischen drei und zwölf Jahren aus einem Notlager begleitet und betreut werden. Mauricio Bonifaz, Koordinator des Kindernothilfe-Ecuador-Programms, ist seit Freitag, 22. April, vor Ort. Mit ihm sprach am Telefon Jürgen Schübelin, Leiter des KNH-Referats Lateinamerika und Karibik der Kindernothilfe in Deutschland.

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Der Küstenort Muisne wurde zu zwei Dritteln zerstört und hatte bereits vor dem Beben mit extremen Armutsproblemen zu kämpfen. (Quelle: Kindernothilfe)

KNH: Wie geht es den Kindern von Muisne eine Woche nach dieser Katastrophe?

Mauricio: Die Mädchen und Jungen, mit denen wir sprechen konnten, schilderten uns, wie es für sie war, zu erleben, wie die Erde bebte, die Häuser einstürzten und die Menschen in Panik gerieten. Ein Junge wollte unbedingt, dass wir zu dem Haus gehen, in dem er und seine Familie bis Sonntag gelebt hatten. Nur zwei der Außenmauern standen noch. Er sagte uns, dass Schlimmste sei gewesen, dass die Erde gar nicht mehr aufgehört habe, zu schwanken. Schon während unseres ersten Besuches kam es zu mehreren Nachbeben, sofort begannen Kinder und Erwachsene, zu weinen. Andere wurden ganz still oder zitterten.

KNH: Wo befinden sich die Menschen von Muisne jetzt?

Mauricio: Dieser Ort besteht aus zwei Teilen: Einer Insel, auf der 6500 Personen leben – und dem Festlandteil, mit 4500 Einwohnern. Dazwischen ein 400 bis 500 Meter breiter Fluss, der nur mit Booten und einer kleinen Fähre überquert werden kann. Von allen Häusern und Hütten, die es in Muisne gab, sind rund zwei Drittel eingestürzt oder akut einsturzgefährdet. Die Holzhütten, die Menschen auf Pfählen errichtet hatten, rutschten einfach ins Meer. Wir schätzen, dass es mindestens 6000 Obdachlose gibt. Ein Teil von ihnen ist in Notlagern untergebracht, zum Beispiel einer kleinen Schule oder in Zelten. Derzeit entsteht ein weiteres großes Lager auf einem freien Gelände etwas außerhalb von Muisne. Eine Gruppe, die bisher in der Schule untergebracht war, soll in dieses Lager umziehen.

KNH: Wie werden sie betreut und versorgt?

Mauricio: Die staatlichen Institutionen sind in Muisne bisher kaum präsent. Wir beobachten, dass ganz viel Hilfe in die Küstenstädte von Manabí und die Touristenorte mit den Hotels kanalisiert wird. Von dort aus berichten auch die Fernsehkanäle und andere Medien intensiv. Die eher abgelegen Zonen in der Provinz Esmeraldas – wie die Küste bei Muisne – erhalten hingegen kaum Aufmerksamkeit. Es werden hier zwar auch etwas Lebensmittel und Wasser verteilt – und das Umweltministerium versucht, den Aufbau eines neuen Großlagers für 6000 Personen zu koordinieren. Aber es fehlt ganz eindeutig an Sicherheitskräften und medizinischem Personal. Fairerweise muss man sagen, diese Katastrophe erreicht eine Dimension, auf die dieses Land einfach nicht vorbereitet war. Viele Menschen können die Insel auch deswegen nicht verlassen und Hilfe suchen, weil sie nicht über die 25 Cent verfügen, die eine Überfahrt mit der Fähre oder dem Boot kostet.

KNH: Wo genau befindet sich das Espacio Seguro-Projekt, das von Kindernothilfe unterstützt wird?

Mauricio: Unseren Kollegen von der Fundación Juan Pablo II ist es gelungen, mit Vertretern der Nachbarschaftsorganisationen und dem zuständigen Delegierten des Umweltministeriums auszuhandeln, dass auf dem Gelände eines der Lager, ein Bereich für die Arbeit mit den Kindern reserviert wird. Das heißt, jetzt geht es darum, zu erreichen, dass alle Erwachsenen in dem Notlager akzeptieren, dass sie auf der Fläche, wo mit den Kindern gespielt und gearbeitet wird, nicht ihre Zelte und Notquartiere aus Planen errichten können. Ganz wichtig für uns: Lucety Delgado, eine tolle, beeindruckende Persönlichkeit, auf die die Menschen hören! Tia Lucety ist bereits über 60 Jahre alt und arbeitet seit drei Jahrzehnten als Lehrerin in der Inselschule von Muisne. Ihr ist es zu verdanken, dass sich die Menschen praktisch sofort nach dem Erdbeben zu organisieren begannen – und sie hat sich ganz stark dafür gemacht, dass es das Espacio Seguro-Projekt mit der Fundación Juan Pablo II und der Kindernothilfe gibt.

KNH: Was braucht es denn jetzt am dringendsten an professionellen Ressourcen und Material?

Mauricio: Zu dem Team der Fundación Juan Pablo II, die ihren Sitz ja in Esmeraldas - der Provinzhauptstadt - hat, 82 Kilometer von Muisne entfernt, gehören sehr engagierte, erfahrene Kolleginnen und Kollegen, die den Aufbau dieses Kinderzentrums in Muisne in die Hand genommen haben. Sie bringen unter anderem viel Expertise zur Arbeit mit Kindern mit Behinderungen mit, die jetzt hier dringend benötigt wird. Allein in dem Lager mit dem Espacio Seguro haben wir sechs Kinder mit schweren Behinderungen kennengelernt. Eines von ihnen wurde bei dem Erdbeben verletzt. An Material benötigen wir im Moment am dringendsten ein Großzelt, damit mit den Kindern auch im Schatten gearbeitet werden kann – und das Schutz vor Regen gewährt. Tagsüber ist es hier extrem heiß und schwül, aber zwischendrin schüttet es eben auch. Wir sind zuversichtlich, dieses Problem mit dem Großzelt in den nächsten 48 Stunden lösen zu können. Klar ist: Auch eine Woche nach dem Erdbeben ist es hier in Esmeraldas nicht einfach, all die Arbeitsmaterialien einkaufen zu können, die wir benötigen. Da muss dann eben viel improvisiert werden. Ganz entscheidend ist in dieser Phase, den Kindern Aufmerksamkeit und Zuwendung zukommen zu lassen, ihnen diesen „sicheren Ort“ zu bieten und zu helfen, sich etwas von dem Stress zu lösen, unter dem Erwachsenen stehen. Das bedeutet dann für die Familien insgesamt eine wichtige Entlastung.

In zwei Tagen werden auch Kollegen der Kindernothilfe-Partnerorganisation JUCONI aus Guayaquil mit einem kleinen Lastwagen zu uns stoßen und weiteres Arbeitsmaterial mitbringen. Überhaupt empfinde ich es als überwältigend, wie solidarisch die Menschen hier in Ecuador mit dieser humanitären Krise umgehen. Ehe wir in Riobamba aufbrachen, um über zehn Stunden lang hier runter zur Küste zu fahren, erhielten wir aus den Kindernothilfe-Hochlandprojekten von Bauernfamilien Lebensmittel gebracht, Mais, Kartoffeln, Bohnen, Eier, Kleidungsstücke, Spielsachen für die Kinder, Windeln, um sie hierher nach Muisne mitzubringen. Das hat uns tief berührt.

KNH: Die Kolleginnen und Kollegen, die an diesem Projekt mitwirken, werden nicht überall und nicht überall gleichzeitig sein können. Wie kann es trotzdem gelingen, alle Kinder aus Muisne, die jetzt mit ihrem Familien obdachlos geworden sind, angemessen zu schützen?

Mauricio: Wir haben jetzt schon damit begonnen, mit denen, die den Aufbau dieser Notlager koordinieren, intensiv über Sicherheitsregeln und die Notwendigkeit, Kindern in dieser Situation ganz besonderen Schutz vor Gewalt und Missbrauch zu gewähren, zu sprechen. Es wurden Regeln vereinbart und Lucety Delgado, diese tolle Lehrerin, hat mit den Leuten aus den Elternkomitees, die sie von der Inselschule kennt und den Vertretern der Nachbarschaftsorganisationen, die versuchen, die Familien auch in den Notunterkünften zusammen zu halten, geredet, um gegenüber dem Risiko, dem die Kinder ausgesetzt sind, zu sensibilisieren. Aber natürlich braucht es auch die Präsenz der Polizei, um den Menschen ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Der Staat muss hier seiner Verantwortung gerecht werden!

Was uns wirklich beeindruckt, ist, wie die Familien zusammenarbeiten, versuchen, auch im Lager die Nachbarschaftsgemeinschaften zusammen zu halten, sich gegenseitig zu helfen. Das ist auch ein wichtiger Schutz für die Kinder.

……….

Mauricio Bonifaz (37) arbeitet seit elf Jahren für die Kindernothilfe. 2015 übernahm er die Leitung des KNH-Büros in Riobamba. Bonifaz ist von seiner Ausbildung her Betriebswirt – und hat zusätzlich ein Masterstudium in Sozialprojekt-Management und Menschenrechts-Bildung absolviert.

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